Schrödingers Huhn

Leseauszug aus: Münchner G’schichten 6.0

Montagabend, Hohenzollernstraße.
Ich gehe nicht zum Yoga. Ich gehe in den Supermarkt.
Der Knödelvorrat ist erschöpft, meine Erleuchtung ebenso.
Ich stehe in der Kühlabteilung und starre auf eingeschweißte Hühnchenbrüste, als würde ich einen intellektuellen Fehdehandschuh lesen. Auf der Packung: ein lächelndes Huhn auf grüner Wiese. Daneben ein Gütesiegel, das aussieht wie ein Mix aus Verkehrszeichen und Ökotest-Sticker. Haltungsform 3. Das ist gut. Oder war das 4? War 3 gut oder war 3 einfach „mehr Platz zum Leiden“?

Ich greife zum Handy. Google: „Haltungsform 3 vs. 4“. Zwei Artikel widersprechen sich. Einer ist von 2019, einer von 2024. Der aktuellere wurde offensichtlich von einer KI geschrieben, die selbst vegan lebt. Ich überlege kurz, ob das Tierwohl-Label einfach ein QR-Code sein sollte.
Den man scannt, um ein dreiminütiges Video des jeweiligen Huhns zu sehen.
Mit Ton. „Hallo, ich bin Huhn 2457, ich hatte 20% mehr Platz als gesetzlich vorgeschrieben. Ich bin jetzt tot. Guten Appetit.“

Vielleicht auch nicht. Schrödingers Huhn, in Plastik verpackt.
Die traurige Pointe: Selbst wenn es solche Codes gäbe – kaum jemand würde sie scannen.
Zu viel Realität für zwischendurch.

Ich möchte mir darüber keine weiteren Gedanken machen, denn sie führen viel zu weit. Und ich habe Hunger.

Ich stelle die Packung zurück.

Neben mir eine Frau mit Strohhut und Netzbeutel. Ich bin mir zuerst nicht sicher, ob ich sie im Yoga-Kurs gesehen habe. Sie mustert mich ebenfalls – so streng als hätte ich sie gerade gefragt, ob Milch aus Mandeln gemolken wird. Sie weiß aber nicht, dass ich diese Frage niemals gestellt hätte. Denn die Frage ist illegal. Ein aus Mandeln gewonnener Mandeldrink darf niemals Milch heißen. So will es das Gesetz.

Ihr Einkauf: fermentiertes Gemüse im Glas, ein Päckchen Haferflocken in Papierverpackung und irgendetwas, das aussieht wie Analogkäse, aber auch der etwas hochpreisigere, vegane Käseersatz sein könnte. Ich will schreien: „Ich will zurück zu meiner Hühnerbrust!“ Ich möchte mich geborgen an sie lehnen. Und mich nicht um diese modernen Probleme, gemacht aus modernen Ersatzprodukten, kümmern. Ich will zurück zum guten, alten Tierleid.

Aber auch dorthin gehe ich nicht. Stattdessen ziehe ich weiter zu den Tomaten. Es gibt drei Sorten. Alle in Plastik. Eine aus Spanien, eine aus den Niederlanden, eine aus Bayern. Letztere hat eine kleine bayerische Flagge auf dem Etikett, als wäre sie am Tegernsee aufgewachsen – und deshalb ist sie auch etwas teurer. Ich nehme sie trotzdem, weil ich es am Tegernsee so schön finde – wie fast alle Münchner, was der kilometerlange Stau auf der A8 München Richtung Salzburg an jedem Wochenende eindrucksvoll beweist. Ich nehme also diese verwöhnte Tegernseer Tomate, auch wenn sie vielleicht genauso nach nichts schmecken wird wie ihre Kollegen.

Weiter zum Brotregal. Dinkel, Einkorn, Roggenvollkorn mit Aktiv-Sauerteig, alles eingeschweißt. Ich erinnere mich an das letzte Mal, als ich Brot selbst gebacken habe. Es war ein Akt der Selbstermächtigung – und eine Belastung für die Rauchmelder. Aber hey, immerhin wusste ich, was drin war. Nämlich: zu viel Salz und jede Menge Frust.

Dann: die Avocados. Klimakiller. Aus Mexiko. Fairtrade, immerhin. Ich nehme zuerst zwei, weil ich nicht weiß, ob ich heute eine Avocado brauche oder erst in fünf Tagen. Eine ist steinhart, die andere matschig. Ich will eine zurücklegen. Aber ich weiß nicht, welche. Ich fühle mich wie eine menschgewordene Avocado zwischen den beiden Zuständen. Um meiner großen Angst vor Lebensmittelverschwendung zu begegnen, lege ich beide zurück.

Unentschlossenheit ist kein Zustand. Es ist ein Supermarktgang. Zwischen Umweltschutz und Schnäppcheninstinkt, zwischen Tierethik und Heißhunger auf Salami-Pizza.
Ich frage mich, ob es eine App gibt, die mir moralisch unbedenkliche, regionale, günstige, verpackungsfreie, gesundheitsförderliche, geschmacklich akzeptable Produkte vorschlägt, die mich nicht überfordern. Und dann fällt mir ein: Ich hatte mal so eine. Sie hieß Oma.

Sie ging zum Wochenmarkt, kochte mit dem, was da war, warf nichts weg und hatte maximal gegenüber ihrem Cholesterinspiegel ein schlechtes Gewissen. Und es schmeckte himmlisch.

Ich stehe an der Kasse. Mein Einkauf: drei plastikfreie Dinge, zwei mit schlechtem Gewissen, eins aus Versehen vegan. Vielleicht sind wir alle ein bisschen wie Schrödingers Huhn: verpackt in Möglichkeiten, gleichzeitig gegessen und nicht gegessen, moralisch richtig und nicht richtig — je nachdem, wer gerade hinschaut. Morgen mache ich Semmelknödel. Die sind wenigstens klar: entweder durch, oder eben noch nicht. Beides ist mir lieber als jede unentschiedene Haltungsform.


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