Nebeneinander

Leseauszug aus: Münchner G’schichten 6.0

Egal, ob sie gerade geschlafen hat, am Smartphone hängt oder aus der Dusche hüpft – sie öffnet die Türe immer.
Leni ist für ihre Nachbarn – mich eingeschlossen – eine pure Freude. Und sie öffnet die Türe immer, mit einem Gesichtsausdruck als ob sie gerade einen Streich vorbereitet hätte. Im besten Fall steht sie vollständig angezogen, bereit für eine kleine Party, in Jeans, farbenfrohem Pullover und frisch gestyltem Haar vor mir. Manchmal trägt sie aber auch nur einen knallrosanen Bademantel und ihre kurzen welligen Haare stehen zu Berge. Sie öffnet die Türe manchmal zwar auch erst nach Minuten; aber das Warten ist immer ein Erfolg. „Hast kurz Zeit auf a Glaserl?“ fragt sie dann.

In Lenis Küche haben wir schon so viele Stunden verbracht, oft mit und selten ohne „Glaserl“. Oft wollte ich eigentlich nur kurz wissen, ob der Lippenstift oder das Outfit angebracht sind, und habe dann aber meine ursprüngliche Verabredung kurzfristig abgesagt. Ein Abend in Lenis Küche ist halt einfach immer so lustig, ein echter Gute-Laune-Garant.

Leni wohnt nun schon über 50 Jahre in dem Schwabinger Stadthaus, 3. Stock ohne Aufzug. Die Küche ist eine typische, kleine „Oma-Küche“, auch wenn Leni selbst keine Enkel oder Kinder hat: An der Wand ein Tagesabreißkalender, eine digitale Uhr, die auch die Luftfeuchtigkeit und immer eine sehr hohe Temperatur angibt und ein kleines Regal, das einen top gepflegten Efeu in perfekter Länge herablässt. Aus dem alten Röhrenradio dröhnt etwas zu laut Bayern 1, was aber vom schallenden Lachen der Leni locker übertönt wird. Unsere Sektflöten mit Golddekor stehen auf der leicht abwaschbaren, geblümten Tischdecke. Neben unseren Gläsern befinden sich ein durchsichtiges Kästchen, beschriftet mit Wochentagen, gefüllt mit Tabletten, ein Aschenbecher, ein Feuerzeug, ein Packerl Stuyvesant und ein Packerl Milka Kuhflecken-Schokolade – aber nichts davon gehört Leni.

Seitdem der Hans, ihr Ehemann, vor zwei Jahren im Hausgang gestürzt ist, kann der die Wohnung gar nicht mehr verlassen. Er reagiert oft über und schreit dann, immer in die Richtung der lieben Leni und manche Nachbarn im Haus sagen, das liegt daran, weil er gar nicht mehr raus kommt. Andere, die Älteren, sagen, dass er die Leni schon immer so behandelt hat.

Öffne ich den Kühlschrank, so sind dort meist die morgens gelieferten Mahlzeiten von „Essen auf Rädern“ zu finden sowie zwei bis drei Flaschen Freixenet Rosé. Letztere kommen „für den Fall der Fälle“, der oft schneller eintritt, als man glaubt, zum Einsatz. Unterbrochen werden unsere intensiven, vor Entsetzen schluchzenden und vor Lachen schallenden Gespräche nur von der Vogerl-Standuhr, die zu jeder vollen Stunde einen anderen heimischen Vogel zwitschern lässt. Und ab und zu auch von einem lauten, fast aggressiv oder nach einem Notfall klingenden „Hee! Komm her!“

Das ist dann der Hans, der nebenan Fernsehen schaut und meist nur ein Stück Schokolade will. Auf seine Kommandos springt die Leni wie von der Tarantel gestochen auf und wenn sie zurück an den Küchentisch kommt, verdreht sie ganz oft die Augen.

Wenn ich zur Leni komme, hat es einen guten Grund. Entweder sie hat tagsüber ein Paket für mich angenommen oder ich brauche Beratung. Ihr oberstes Credo bei Outfits ist, dass der Lippenstift passen muss. Beim Thema „Männer“ solle ich darauf achten, dass er auch was investiere. Der Hans hatte ihr als sie sich kennenlernten einen Ring geschenkt und ist dafür mit dem Taxi zum Juwelier gefahren – von Giesing bis nach Schwabing!

Und auch wenn der Hans heut wirklich oft grantig ist und streng mit der Leni, hat er auch schon mal geäußert: „Ge, die Leni ist schon eine lustige Maus!“ Und die Leni hat dann mit ganz bestimmten Worten erwidert: „Und du bist mein Mäuserich!“ Und dann haben sie sich wieder kurz angestrahlt und sich halb totgelacht.

Wenn man die Leni fragt, ob sie schon mal über den Tod nachgedacht hat, dann entgegnet sie nur ganz bestimmt und anklagend: „Ja sag amal, glaubst du, ich sterb bald oder was?!“ Und wirklich, die Frage ist ja auch etwas aus der Luft gegriffen, wenn man sie so sieht. Nur dann hat letzte Woche auf einmal ihre Nichte die Türe geöffnet…