Leseauszug aus: Münchner G’schichten 6.0
Sonntag, Kurfürstenplatz.
Sonntags ist es teilweise schwieriger. Sonntage sind manchmal die lautesten Tage der Stille, sie riechen nach einer kleinen Portion Kaffee und einer liegen gebliebenen Idee von Aufbruch. Wenn sie zu laut werden, setze ich mich hierher – dorthin, wo man drinnen und draußen gleichzeitig beobachten kann.
Laptops werden aufgeklappt, Kinderwägen geschoben, jemand sitzt schon länger hier.
Alle verbunden durch das Bedürfnis, echt zu wirken, ohne sich wirklich zu zeigen. Mich eingeschlossen.
Phasenweise kann ich genauso einsam sein wie meine Oma, die an manchen Abenden den Tagesschau-Sprecher zurückgrüßte. Ich habe neulich gegoogelt, was Constantin Schreiber, der ehemalige Tagesschausprecher, heute macht. Meine Oma konnte sowas nicht googeln. Aber sie konnte, wie ich, an einem Sonntagmorgen einsam eine Butterbreze in den Kaffee tunken.
Nur: unsere Brezen waren verschieden. Ihre hatte Zeit. Meine hat Marketing.
Meine kommt aus einer Filiale, die aussieht wie Handwerk, aber keines ist.
Hinter Glas arbeiten Hipster mit Schnauzbart und Tennissocken, die die Teiglinge nur noch in Öfen schieben. Es piept, wenn das „Handwerk“ beendet ist.
Die Glaswand soll Nähe und Vertrauen imitieren, zeigt aber, wenn man richtig hinschaut nur: keine Zeit für nichts.
Auch die Breze selbst ist ein Kompromiss aus Nostalgie und Effizienz.
Auf den ersten Blick sieht sie ganz normal aus – aber tatsächlich: das Verhältnis von Butter zu Breze ist verrutscht. Drei dicke, kalte Streifen, schnell geschnitten. Ein kleines Teil aus Metallstäben, das die Butter in normierte Streifen presst, tut die Hauptarbeit – gleichmäßig, effizient. Es schneidet schnell, dafür zu dick, aber das ist egal. Was dabei verloren geht, passt in kein Maß.
Und die Streifen lassen sich schnell auf die halbierte Breze klatschen, drei Stück, dann die andere Hälfte wieder drauf. Fertig.
Früher – also bei Oma – wurde Butter mit dem Messer verteilt, sparsam, bis in die Ecken.
Und wenn sie noch zu hart war, kam sie kurz auf den Holzofen.
Ein kleines Ritual. Zeit zeigte Respekt vor dem Lebensmittel.
Heute sind die Personalkosten hoch und das liebevolle Schmieren kann sich keiner mehr leisten. Der Respekt für das Lebensmittel weicht der Zeitnot, was aber komischer Weise nicht heißt, dass dieser Respekt dann den Menschen zugute kommt.
Aber wir bezahlen gerne für das Gefühl, das Produkt wäre noch wie früher – für die Illusion von Handarbeit, hinter Glas produziert. Je mehr wir uns leisten können, desto weniger interessiert es uns, ob es eigentlich echt ist – Hauptsache es scheint so, und wir können uns immer mehr davon leisten und möglichst instagram-able. Was für ein Butterbrezen-Paradoxon!
Meine Oma schnappte sich das Fett vom Schweinebraten am Tellerrand, das wir anderen angewidert wegschoben, strich es ein, zwei Mal mit der Gabel zusammen – und mmmhte genüsslich vor sich hin.
Sie war im Krieg auf der Flucht gewesen, in einer Welt, in der Fett Leben bedeutete.
Sie hätte sich über die viel zu dicke Butter gefreut – und gefragt, ob sie den dicken Streifen, den ich gerade mit dem Kaffeelöffel teile und großteils runterschiebe, auch haben darf.
Ich sitze hier zwischen Generationen.
Zwischen Zahnarztgattinnen mit Champagner-Aura, ihren Lacoste-Kindern, älteren Herrschaften, die nicht heimgehen können und aufgebackenen Hipstern hinter Glas – alle auf Hochglanz, keiner zum Anlehnen.
Vor mir die Breze – zu reich belegt und trotzdem geizig.
Am Nebentisch ein alter Mann mit Zylinder.
Er kommt jeden Sonntag zur selben Zeit, bestellt Spaghetti-Eis und Espresso.
Er füllt Zucker nach, bis die Tasse überläuft.
Er sagt nichts, nickt mir nur zu.
Ein stilles Einverständnis: Wir zwei, wir halten durch.
Meine Oma hätte nicht verstanden, warum ich für eine Breze 2,40 Euro zahle und gleichzeitig ein schlechtes Gewissen mitkaufe.
Aber sie hätte gelächelt, wenn ich ihr gesagt hätte, dass ich dabei an sie denke.
Und an ihre Butterbreze.
Sie hätte gesagt:
„Iss was G’scheits, grad wenn’s dir schlecht geht. Mach dir eine Knödelsupp’n. Die rettet alles.“
Und sie hätte recht gehabt. Ich glaub, ich mach mir später wirklich eine Knödelsuppe.
Ich schaue auf den Platz des alten Mannes. Er ist schon gegangen.
Der Espresso ist leer, der Löffel liegt still.
Melancholie ist ein seltsamer Gast.
Sie bestellt nichts, bleibt aber trotzdem sitzen.
Grad sonntags.
