Superposition

Leseauszug aus: Münchner G’schichten 6.0

„Geh doch mal zum Yoga“, hatte Wolfgang gesagt.
Ich habe gelacht.
„Nein danke“, sagte ich, „da trink ich lieber ein Weißbier.“
So hat es angefangen.

In Scheyern, wo ich herkomme, war Yoga lange Zeit Teufelszeug.
Wer dort den Sonnengruß machte, stand kurz darauf im Pfarrblatt unter Verschiedenes.
Wir gingen den Kreuzweg, nicht in den Herzensraum. Danach Bier, Bankerl, Sonnenuntergang überm Hopfengarten.
Ich habe nie das Bedürfnis gehabt, mich zu verrenken, um Erleuchtung zu finden.
Ich wollte höchstens wissen, ob’s nach dem Gottesdienst am Sonntag im Wirtshaus auch einen Semmelknödel zum Schweinsbraten gibt.

Und meine Eltern haben ja gleich gesagt, dass sie glauben, dass mir das München nicht gut tut. Aber das wollte ich ihnen nicht glauben. Und dann wurde es mir halt doch zu viel. Alles. Die Welt. Nicht ein bisschen zu viel, sondern „im DM bei den Wattepads heulen“-zu viel.

Die Nachrichtenlage war inzwischen wie eine permanente Pushnachricht zur Endzeit: Krieg, Klima, Krise. Jeden Tag ein neuer Countdown, aber keiner wusste, wozu. Nicht mal mein Freund Wolfgang, der eigentlich immer eine faktenbasierte Erklärung für alles hat. Ich wollte im Erdboden versinken, einfach, weil ich nicht wusste, wohin mit mir und meinen Gedanken. Ich brauchte Auftrieb. Dringend.

Dann im März 2022: Mein persönlicher, ethisch minderwertiger Horror: Saunenmangel aufgrund der Energiekrise, ausgelöst durch den russischen Angriffskrieg in der Ukraine.
Ich wollte mich aufwärmen, nicht die Welt verbessern. Und unterschrieb, mit multiplem schlechten Gewissen einen Vertrag im Fitnessstudio. Ich sagte mir: Ich bin nicht der Typ für Motivationssprüche und diese „Arsch-frisst-Hose“-Outfits – und auch nicht der Typ für die Anführung einer großen Friedensbewegung. Ich wollte einfach nur einen warmen Winter haben.

Und dann habe ich mich schneller als gedacht an diese Fitness-Welt gewöhnt. Fernab von schlechten Nachrichten. Erst Sauna. Dann vorher Schwimmbad. Dann zuvor noch ins Cycling. Dann zuvor noch Geräte. Habe sogar noch einen „Depp Step“-Aerobic-Kurs getestet. Und irgendwann? Yoga? Befinde ich mich in einem unausweichlichem Gesundheitsautomatismus?

Doch überschlugen die schlechten Nachrichten sich weiter– und brachen ein in diese heile Welt der Selbstoptimierung. Verdummung, Rückschritt, Diskriminierung, Handelskriege, echte Krisen, Hungerskrisen, Leid, Tod, Tod, Tod.

Ich konnte mir nun also an dem Reformhaustee „Motivation & Zuversicht“ eine toxische Überdosierung zuziehen. Aber ich wollte das nicht. Und war auch nicht sicher, ob das möglich war.

In dieser Situation ereilte mich der Ratschlag meines Freundes Wolfgang, ich solle es doch mal mit Yoga probieren. Doch zuerst wollte ich mich der Thematik ökonomisch annähern.
Ich rechnete mir aus, dass ich, wenn ich dienstags Yoga mache statt zwei Weißbier zu trinken, neun Euro spare. Pro Jahr 468. In zehn Jahren 4.680.
Ich fand das vernünftig.
Und schrieb mich schlußendlich ein.

Der Kurs hieß „Entspannt in den Feierabend“. Ich war die Jüngste, saß auf meiner alten, leicht klebrigen Yogamatte, und tat so, als wüsste ich, was mich erwartet.
Vor mir Lena, 24, Prenzlauer Berg, importiert nach Schwabing-West, trägt ein hellgelbes Shirt mit der Aufschrift Trust the Universe.
Ich traue nicht mal der Batterie meines Fahrradlichts.
Aber ich war entschlossen, mitzumachen.

Lena sprach in einer Tonlage, die halb sediert und halb beseelt klang.
Wir legten uns hin. Shavasana.
Ich hatte keine Ahnung, was das sein sollte, aber alle taten so, als sei es die Position, in der man die Weltherrschaft erlangen könnte, wenn man nur lang genug in ihr liegen blieb.
„Alles darf da sein“, sagte Lena. „Fühlt Freude. Fühlt Leid. Fühlt alles zusammen.“
Ich dachte an einen sonnigen Samstag am Viktualienmarkt mit Freunden – und an die AfD. Ich dachte an eine Fahrradtour durch den Englischen Garten – und an die Menschen im Gaza-Streifen und die Hamas-Geiseln.
Ich dachte daran, dass mich das alles nichts angeht, und ob ich mein Verbrennerauto wohl bald verschrotten muss.
Ich dachte an Pater Michael, der das alles als Abstieg in die Finsternis bezeichnet hätte.
Und dann atmete ich. Einfach so.
Dann sagte Lena: „Atmet in euren Herzraum.“
Ich wusste nicht, wo der ist. Ich erinnerte mich an den alten Spruch: Zwischen Leber und Milz passt immer noch ein Pils.
Das half zur weiteren Orientierung – und fand es selbst lustig.
Ich hatte das Gefühl, etwas in mir fiel leise auseinander, setzte sich wieder zusammen – ein Riss im gewohnten Gleichgewicht, der zugleich Raum schuf.

Ich merkte, dass da zwei Gefühle gleichzeitig waren.
Ein Teil von mir lachte – über die ganze Szene, über mich, über diese stille Verrenkung der Selbstoptimierung.
Und der andere Teil spürte eine Angst, die ich lange nicht zugelassen hatte:
die Angst, dass alles kippen könnte, dass ich nicht genüge, dass nichts mehr hält.
Zwei inkompatible Zustände.
Und doch waren sie beide da.
Ich lag da, halb spöttisch, halb zitternd, und atmete weiter.

Vielleicht, dachte ich, ist das ja der Trick – nicht das Eine durch das Andere ersetzen, sondern beides gleichzeitig aushalten.
Angst und Heiterkeit.
Müdigkeit und Hoffnung.
Yoga und Weißbier.
Krieg und Frühling.
Vielleicht ist das Menschsein genau das: die Fähigkeit, zwei widersprüchliche Emotionen in einem Körper unterzubringen, ohne zu zerbrechen.

Als ich die Augen öffnete, war es draußen schon dämmrig.
Irgendetwas war leichter geworden.
Kein großes Erwachen, kein göttliches Licht. Nur ein bisschen mehr Platz in der Brust.
Ich fühlte mich nicht erleuchtet, sondern… belüftet.
Als hätte jemand das Fenster einen Spalt geöffnet.

Nach der Stunde ging ich dann doch noch rüber zum Kurfürstenplatz, ganz spontan, auf einen Spezi mit Wolfgang. Wenigstens kein Weißbier, wenn schon Yoga. Aber dafür schwabing-like ein 0,4er Glas für fünf Euro – ideal um weiterhin grantig zu sein, aber stilvoll.
Wolfgang sagt, die Physik kenne das als „Gleichzeitigkeit inkompatibler Zustände“.
Ich sage: „Vielleicht ist das einfach Leben. Superposition – zwei Dinge gleichzeitig wahr. Und ein Raum in dir, in dem beides Platz hat: Die Angst. Und das Lachen.“

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